Sanierungsberater: Wann braucht man sie wirklich – und wann ruinieren sie Vertrauen?

Sanierungsberater können viel bewirken – im Guten wie im Schlechten. Wann helfen sie wirklich? Wann schaden sie? Und woran erkennt man den Unterschied? Ein praxisnaher Leitfaden mit Fallbeispiel, IDW-S6-Checkliste und klarer Haltung zur Vertrauensfrage.

Sanierungsberater: Wann braucht man sie wirklich – und wann ruinieren sie Vertrauen?

Zwischen Hoffnung und Misstrauen

Sanierungsberater haben keinen leichten Job. Sie betreten die Bühne, wenn’s eng wird:
Wenn die Liquidität nicht mehr reicht. Wenn Banken unruhig werden. Wenn Gesellschafter uneins sind.

Und doch – oder gerade deshalb – sind sie oft entscheidend für die Zukunft eines Unternehmens.
Aber: Nicht jeder Sanierer hilft wirklich. Manche verschärfen die Unsicherheit. Manche verunsichern statt zu stärken. Manche arbeiten mit Checklisten – aber ohne Gespür.

Wann sind sie sinnvoll? Wann schaden sie? Und wie erkennt man den Unterschied?


Wer ruft den Sanierer? (Spoiler: selten der Unternehmer)

In der Praxis kommt die Initiative selten vom Unternehmer selbst.
Stattdessen sind es meist:

  • Banken, die ein IDW-S6-Gutachten fordern, um Kreditlinien zu verlängern oder zu prüfen, ob eine Insolvenzverschleppung droht.
  • Beiräte oder Aufsichtsräte, die ihrer Überwachungspflicht nachkommen.
  • Steuerberater oder Anwälte, die erste Alarmsignale sehen (z. B. rückläufige Umsätze bei gleichbleibender Kostenstruktur, Liquiditätslücken, Haftungsrisiken für Geschäftsführer).

Der Unternehmer steht dann plötzlich unter Druck.
Statt aktiv zu gestalten, wird er zum Objekt fremder Entscheidungen. Das Misstrauen ist programmiert – vor allem, wenn der Berater nicht aktiv in Vertrauen investiert.


Wann ist Sanierungsberatung wirklich hilfreich?

Sanierungsberatung ist dann sinnvoll, wenn es noch etwas zu retten gibt – aber die Lage komplex oder emotional aufgeladen ist. Typische Konstellationen:

  • Drohende Zahlungsunfähigkeit (§ 18 InsO): Das Unternehmen ist (noch) zahlungsfähig, aber nicht langfristig liquiditätsgesichert.
  • Unklare Fortführungsprognose (§ 252 HGB): Die Fortführung ist nicht mehr selbstverständlich – eine tragfähige Planung muss erstellt werden.
  • Vertrauenskrise im Gesellschafterkreis: Uneinigkeit oder Blockadehaltung gefährden schnelle Entscheidungen.
  • Krise nach externer Erschütterung: z. B. Lieferantenausfall, Marktverlust, politische Restriktionen.
  • Verlust der Kreditwürdigkeit: Die Bank braucht ein tragfähiges Sanierungskonzept, um Kreditentscheidungen abzusichern.

Entscheidend ist: Je früher ein externer Sanierer eingebunden wird, desto größer ist der Handlungsspielraum.


Wann Beratung Vertrauen ruiniert – typische Fehler

Externe Sanierer können viel bewirken – im Positiven wie im Negativen.
Diese Fehler erleben Unternehmen in der Praxis besonders häufig:

🛑 Typischer Fehler 😟 Wirkung im Unternehmen
Auftritt als „Retter“ statt als Partner Mitarbeiter ziehen sich zurück, Management fühlt sich entmachtet
Kommunikation nur mit Bank – nicht mit Management Misstrauen, Frust, Blockade
Standardlösungen ohne Bezug zum Geschäftsmodell Stakeholder zweifeln an der Ernsthaftigkeit
Ausschluss der Belegschaft Gerüchte, Fluktuation, Widerstand
Ziel: kurzfristige Restrukturierung statt nachhaltiger Turnaround Problemverschiebung statt Problemlösung

Fallbeispiel (fiktiv, aber realitätsnah)

Branche: Maschinenbau – 85 Mitarbeiter, familiengeführt
Situation: Umsatzrückgang nach Kundenverlust, hohe Fixkosten, kritische Liquiditätssituation

Die Bank forderte ein IDW-S6-Gutachten. Der Sanierer kam „von außen“ – empfohlen von einem Partner der Hausbank.
Er brachte sofort einen eigenen CFO mit, ließ sich weitreichende Entscheidungsvollmachten zusichern und versuchte, das Geschäftsmodell zu „verschlanken“.

Die Folge:

  • Die Mitarbeiterschaft reagierte mit offener Ablehnung.
  • Der CEO (zweite Generation) verlor das Vertrauen der Belegschaft.
  • Zwei Leistungsträger kündigten.
  • Die Bank erhielt zwar ein formal korrektes Gutachten – aber keine Sanierung.

Lektion: Ein externer Berater kann nicht erfolgreich sanieren, wenn er das Vertrauen der Organisation verliert – auch wenn seine Zahlen stimmen.


Was ein guter Sanierer mitbringt

Ein guter Sanierer ist nicht nur ein Zahlenmensch, sondern auch ein Beziehungsmensch.
Er kombiniert analytische Stärke mit psychologischem Gespür – und bringt idealerweise folgende Kompetenzen mit:

Kompetenzfeld 💡 Was das bedeutet
Fachliche Tiefe (insb. IDW S6) Versteht Struktur, Anforderungen & rechtliche Grundlagen
Empathie & Kommunikation Erkennt Ängste, schafft Dialog, kann zuhören
Strategisches Denken Entwickelt zukunftsfähige Geschäftsmodelle, nicht nur kurzfristige Kostenschnitte
Stakeholder-Management Vermittelt zwischen Banken, Gesellschaftern, Geschäftsführung
Neutralität & Unabhängigkeit Kein Eigeninteresse am Ergebnis oder an Folgeaufträgen

Der Kern des IDW S6 – kurz & praxisnah

Ein Sanierungskonzept nach IDW S6 umfasst formell sieben Elemente:

  1. Analyse der Ausgangslage
  2. Ursachen der Krise
  3. Sanierungsfähigkeit & rechtliche Rahmenbedingungen
  4. Maßnahmenplan zur Sanierung
  5. Integrierte Planung (GuV, Bilanz, Cashflow)
  6. Fortführungsprognose
  7. Prüfung der Finanzierungsfähigkeit

Aber in der Praxis entscheidet nicht die Vollständigkeit – sondern die Glaubwürdigkeit.

Ein gutes S6-Gutachten beantwortet eine zentrale Frage:

👉 Gibt es eine realistische, überzeugende Perspektive – und wird diese vom Management und den Stakeholdern getragen?

Entscheidungshilfe: Wann welcher Berater?

In Sanierungssituationen arbeiten oft mehrere Berater gleichzeitig – mit unterschiedlichen Rollen:

👤 Akteur 🛠️ Typische Rolle 🧠 Worauf achten?
Sanierungsberater (Generalist) Koordination, Gutachten, Bankengespräche IDW-S6-Kompetenz, Unabhängigkeit
Interims-CFO / CRO Operative Führung, Finanzsteuerung Akzeptanz intern, Umsetzungskraft
Steuerberater / Wirtschaftsprüfer Planung, Going-Concern, Bilanzierung Erfahrung mit Krise & Sanierung
Rechtsanwalt Haftung, Insolvenzszenarien Krisenrecht, Sanierungsrecht, Kommunikation mit Gläubigern

Warnsignale: Finger weg, wenn…

Du solltest als Unternehmer oder Gesellschafter skeptisch werden, wenn:

  • der Sanierer ausschließlich auf die Bank fokussiert ist (und dich außen vor lässt),
  • keine belastbare Liquiditätsplanung vorliegt („das machen wir später“),
  • er eigene Dienstleister oder Nachfolgeberater „mitbringt“,
  • die Kommunikation vage oder oberlehrerhaft bleibt,
  • oder gar keine Exit-Alternative mitgedacht wird.

Denn: Sanierung braucht nicht nur Plan A – sondern auch eine klare Haltung zu Plan B.


Fazit: Sanierungsberatung ist Vertrauensarbeit

Sanierungsberatung ist kein Kontrollinstrument – sondern ein Angebot zur Neuausrichtung.
Wenn sie gelingt, kann sie Unternehmen retten. Wenn sie scheitert, zerstört sie Vertrauen, Ressourcen – und manchmal Existenzen.

Deshalb gilt:

Nicht jeder Sanierer ist besser als keiner. Aber der richtige kann den Unterschied machen.

Deine Perspektive?

Was war deine Erfahrung mit externen Sanierern – als Unternehmer, Investor, Bank oder Berater?

Haben sie geholfen – oder Vertrauen zerstört?